Weniger Wachstum, mehr Inflation

Chefvolkswirt Dr. Jörg Zeuner zu den Auswirkungen des Krieges in der Ukraine

Einschätzung Auswirkungen Ukraine Krieg

Herr Dr. Zeuner, der Ukraine-Krieg dauert nun schon rund zwei Wochen. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Als weiter sehr unübersichtlich. Zwar hat sich in den vergangenen Tagen einiges geklärt. Vor allem kennen wir die Sanktionen des Westens. Mit dem Einfrieren der russischen Währungsreserven bricht man ein Tabu. Der SWIFT-Ausschluss von nur wenigen russischen Banken bleibt aber hinter dem maximal Möglichem zurück. Der Versuch, den Energiesektor zu isolieren, spricht für ein kontrolliertes Vorgehen des Westens. Das halte ich für richtig. Der geplante weitgehende Ausschluss Russlands aus dem weltweiten Wirtschaftskreislauf innerhalb kürzester Zeit führt zu massiven Bewegungen an den Kapitalmärkten. Er wird viele Haushalte in Deutschland und weltweit finanziell belasten und schrumpft die russische Wirtschaft drastisch zusammen, was viele Menschen dort in die Armut führen wird. Dem Leid der Ukrainerinnen und Ukrainer werden die Sanktionen dennoch in keiner Weise gerecht. Das macht mich traurig und wütend. Nach vorne schauend bleibt natürlich auch noch vieles sehr unsicher.

Woran denken Sie konkret?

Vor allem an zwei Punkte. Erstens kann der Krieg noch sehr lange dauern. Ich sehe noch keine für die Ukraine akzeptable Verhandlungslösung. Vielleicht bringt das bevorstehende Außenministertreffen in Istanbul einen Hoffnungsschimmer – aber leider ist das alles andere als sicher. In jedem Fall erwarten wir aber keine Ausweitung des Krieges auf NATO-Gebiet. Dafür scheint mir der Westen zu gut abgestimmt und klar in seinem Ziel, eine militärische Auseinandersetzung mit Russland zu vermeiden.

Zweitens rechnen wir noch nicht mit einem kompletten Energieembargo. Die USA und Großbritannien stoppen Ölimporte aus Russland. Russland dürfte aber Europa weiter mit Öl und vor allem Gas beliefern. Ich erwarte keine Rationierung von Energieverbrauch in der Eurozone. Der Verzicht auf russisches Öl ist übrigens schon in sehr weitem Umfang freiwillig erfolgt. Das geht jetzt wohl nach Indien und China. Ich rechne damit, dass wir stattdessen in den nächsten Wochen mehr Öl aus den arabischen Ländern und vielleicht sogar dem Iran beziehen werden.

Der wirtschaftliche Schaden ist doch aber immens, oder?

Sicherlich, aber vielleicht eben doch nicht so groß, wie man im ersten Moment vermuten würde. Es gibt kaum Lieferketten in den USA und Europa, die langfristig auf russische Vorprodukte angewiesen sind, und ich habe großes Vertrauen in die Fähigkeit unserer Unternehmen, schnell nach neuen Absatzmärkten zu suchen, etwa in Südamerika. Aber es bleiben die schmerzhaften Preisanstiege, die erst einmal weitergehen und unseren Konsum deutlich einschränken werden. Gleichzeitig rechne ich fest mit neuen staatlichen Hilfspaketen, die auch direkt bei den Haushalten ankommen werden, wie schon in den USA in der Coronakrise.

Was heißt das jetzt unter dem Strich?

Wir hatten gerade Anlauf genommen zu einer zweiten Aufholjagd nach dem Corona-Lockdown. Dieser Aufschwung fällt aus. Aber einen Rückgang unserer Wirtschaftsleistung in diesem Jahr sehe ich noch nicht.

Der Krieg hat das wirtschaftliche Umfeld also grundlegend verändert, daher haben Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen den Ausblick angepasst. Womit rechnen Sie für 2022?

Wir erwarten nun, dass die Inflation im Euroraum im Jahresdurchschnitt bei 6,4 Prozent liegen wird, bisher sind wir von 5,1 Prozent ausgegangen. Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) dürfte gegenüber unserer bisherigen Prognose um rund einen Prozentpunkt auf rund 2,8 Prozent absinken. Das klingt nach viel, ist aber dem hohen „Absprungsniveau“ Ende 2021 geschuldet. De facto wird die europäische Wirtschaft in den verbleibenden Quartalen dieses Jahres nur noch geringfügig wachsen.

Die Vereinigten Staaten sind vermutlich weniger stark betroffen. Was erwarten Sie für die USA?

Das stimmt. Die wirtschaftlichen Bremseffekte des Krieges sind dort geringer, aber die Tendenz sieht ähnlich aus. Wir rechnen mit einem Plus beim BIP von 3,1 Prozent für 2022, und einer Inflation von etwa 7,3 Prozent im Jahresdurchschnitt.

Mehr Inflation, weniger Wachstum – müssen wir uns auf eine „Stagflation“ wie in den 1970ern einstellen?

Nein, das glaube ich nicht. Wir haben es hier mit einer Fülle von Sonderfaktoren zu tun, allen voran dem hohen Ölpreis. Er ist die Haupttriebfeder für schwächeres Wachstum und höhere Teuerung. Im Jahresverlauf sollten sich die Energiepreise nach und nach normalisieren, zum Beispiel durch einen Anstieg der US-Schieferölförderung. Und das wird man dann auch in den volkswirtschaftlichen Daten sehen. Für 2023 rechnen wir daher in der Eurozone mit einem BIP-Anstieg von 2,5 Prozent und einer Inflationsrate von 2,4 Prozent – also einem deutlich gesünderen Wachstums-Inflationsmix.

Sie haben mit dem Ukraine-Krieg und dem Ölpreis bereits zwei wesentliche Annahmen für Ihre Schätzungen angesprochen. Was passiert, wenn sich die Dinge hier nicht so entwickeln, wie Sie es erwarten?

Das ist leider möglich. Ein Energieembargo ist noch nicht ausgeschlossen. Wir haben daher ein Alternativszenario entwickelt, um eine Vorstellung zu bekommen, welche konjunkturellen Folgen Engpässen bei der Versorgung mit Öl und Gas haben würden.

Womit wäre volkswirtschaftlich in diesem Fall zu rechnen?

Mit noch mehr Inflation und dem Schrumpfen unserer Wirtschaftsleistung. Im Risikoszenario führt ein Energie-Embargo zu Rationierungen und weiteren, sprunghaften Energiepreisanstiegen. Diese würden vor allem Europa treffen, wo dann vermehrt Produktionsausfälle drohen würden. Im Euroraum könnte es in diesem Fall sogar zu einem BIP-Rückgang bereits im ersten Halbjahr 2022 kommen. Die USA wären vermutlich etwas weniger stark betroffen, da die wirtschaftliche Verflechtung weniger eng ist. Aber auch dort wäre bestenfalls eine Stagnation zu erwarten.

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